Kühlschrankanalysen

Du hast eifrig prokrastiniert, tagelang gedacht “och, ist ja noch genug Zeit” – und obwohl dir eigentlich schon klar war, dass es sehr viel Sinn machen könnte, diese Zeit zu nutzen, konnte der dank ausreichender Vorerfahrung schon gefühlte 50x gefasste Vorsatz, beim nächsten Mal endlich früher anzufangen zu lernen, auch dieses Mal nicht umgesetzt werden… Vielleicht brauchst du dieses gewisse, latent panische Grund-Arousal aber auch, um überhaupt aufnahmefähig genug zu sein für das, was nun vor dir liegt. So rückt der Prüfungstermin unaufhaltsam immer näher und langsam schleicht sich die Gewissheit ein: “Das hier wird nicht schnell vorbei sein, es wird dir nicht gefallen – this is multivariate Statistik!!!”

Und dann sitzt du für Wochen zwischen Büchern, Skripten und Notizzetteln, betrachtest abstrakte Formeln aus griechischem Buchstabensalat und malst auf dem Buchdeckel sehnsüchtig ein kleines A in SPSS – doch auch das hilft nicht wirklich… Lernen kann mitunter so unbeschreiblich trostlos sein, dass man irgendwann anfängt, sich über alle möglichen Details aus dem Stoffplan zu amüsieren, die eigentlich gar nicht amüsierenswert sind – allein um sich doch noch über wenigstens irgendetwas amüsieren zu können, z.B. über die “totalen Effekte” der Pfadanalyse (“Wollt ihrrr den totaaalen Effekt?” – ok, tschuldigung, ist nicht lustig…), oder über Post-hoc-Tests, bei denen man eher an Drogen, als an Statistik denken würde (z.B. der LSD, also der least significant difference-Test). Doch je mehr man lernt, desto seltener werden selbst diese kurzen Momente befreiender Heiterkeit und desto ernster wird der geistige Zustand: Erst verliert man den Kontakt zur Außenwelt (“ich kann nicht, ich muss lernen…”), dann versucht man im Geschäft mit seinem Studentenausweis zu bezahlen (“oh, in der Mensa klappt das…”) und zuletzt ist man nicht mal mehr der eigenen Sprache mächtig und fragt sich z.B. bei einem TV-Moderator, wie der denn jetzt eigentlich die Stärke oder die Richtung von welchem Zusammenhang vorhersagen soll…

Wochenlang schlurft man mehr wunderlich als wach zwischen Bett und Schreibtisch hin und her, zieht die Vorhänge zu, um nicht mitbekommen zu müssen, dass man hinter den verstaubten Fenstern  gerade das schönste Sommerwetter verpasst, ernährt sich nur noch von Kaffee, Pizza und noch mehr Kaffee und kommuniziert zunehmend in kryptischen Wortschöpfungen, die einem der Statistik-Bücherberg aufdiktiert und die alle irgendwas mit irgendwelchen Analysemethoden zu tun haben, z.B. Faktorenanalysen, Hauptkomponentenanalysen, Pfadanalysen, Zeitreihenanalysen, Clusteranalysen, Mehrebenenanalysen, Varianzanalysen, Metaanalysen, Diskriminanzanalysen etc. pp.,  während man schon gar nicht mehr weiß, wo einem der Kopf steht und man sich eigentlich nur noch auf die Analyse des Kühlschranks wirklich konzentrieren könnte – wenngleich sich eine solche aufgrund zu vieler und systematisch fehlender Werte leider erübrigt…

Unter Studenten hat sich für dieses leicht entrückte “Prä-Prüfungs-Verhalten” übrigens der liebevolle und durchaus praxisnahe Begriff Binge Learning eingebürgert – sprich viel zu schnell viel zu viel Lernstoff in sich reinzustopfen, den man dann in der Prüfung wieder (pardon) rauskotzen kann um eigentlich insgesamt keinen besonders langfristigen Lerneffekt zu erzielen.

Und wenn es dann, nach wochenlangem innerem Kampf zwischen Ehrgeiz und Echtkeinelustmehr, endlich soweit ist und du dich mit dem Walkürenritt im Ohr zur Klausur begibst, fragen die Mitstudenten (und hier erinnerst du dich wieder daran, dass du ja gar nicht Mathe studierst, sondern Psychologie) nicht etwa “und, gut vorbereitet?” oder irgendwas Vergleichbares – nein, sie fragen allen Ernstes “und, bist du motiviert?”… Und du antwortest nicht etwa “Motiviert? Geht’s noch?? Es ist Montag, noch nichtmal 9 Uhr und wir schreiben gleich Statistik…”, sondern puzzlest im Kopf auseinander, ob Motivation eigentlich eine systematische oder eine unsystematische Störvariable für die eigene Leistungsfähigkeit wäre und ob man das nun mit einem Strukturgleichungsmodell gut darstellen könnte oder vielleicht auch mit einer Zeitreihenanalyse. Und allerspätestens jetzt fällt dir auf, dass es doch eigentlich auch ganz cool gewesen wäre, einfach Eisverkäufer oder Globetrotter oder Rockstar oder Profi-Snowboarder geworden zu sein…

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